Hagar, Ex-Christin, Brasilien

Site Team

Dies waren die ersten Worte vom Qur´an, die mich berührten. Und als ich sie las, konnte ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ich fragte mich, was sollte ich wirklich wissen, um in der Lage zu sein, zu verstehen? Was ist eigentlich Wissen?   

Was nützt es, Bücher zu lesen und Theorien, Philosophien und Denkweisen zu studieren, wenn wir am Ende immer noch nicht den Sinn unserer Existenz herausgefunden haben? Westliche Antworten auf dieses Dilemma haben mich frustriert, beunruhigt, hoffnungslos und zum Schluss depressiv gemacht.

Zu jener Zeit konnte ich weder an Gott glauben, noch zu Ihm beten. Wie ich dieses Stadium erreicht hatte, bin ich mir nicht ganz sicher. An einem Tag war ich Gottesgläubig (ich war Christ – Protestant) gewesen und am nächsten Tag schien mir allein der Gedanke daran, über die Existenz Gottes, des Schöpfers, nachzudenken, Unsinn zu sein.

Ich pflegte jeden Tag ein Stück im Alten oder Neuen Testament zu lesen und es auch zu studieren. Ich fand schöne Worte, aber sie waren praktisch unbrauchbar, denn keiner, den ich kenne, lebte danach. 

Nach der Beobachtung wie Menschen auf dieser ganzen Welt leben, wie die Dinge geschehen, wie Geschäfte und Vereinbarungen abgeschlossen werden, wie manche den anderen überlegen waren, schlussfolgerte ich, dass dies eine sehr ungerechte und unfaire Welt ist. Die Worte der Bibel, so schön sie auch sein mögen, waren nicht mehr als eine Intervention des Menschen.

Religion war nichts weiter als ein Mittel, um die armen und unterdrückten Menschen ruhig zu halten, zufrieden und unterwürfig, wie Rinder. Sie war das Opium des Lebens.  

Ich dachte: „Wenn es einen Gott gibt, dann ist Er zynisch und unfair. Ich mache keine Geschäfte mit unfairen Leuten, und ich werde schon gar keine Geschäfte mit einem unfairen Gott machen.”

Ich wünschte, ich hätte nie gelernt zu lesen und ich wäre wie andere Leute um mich herum.  Arbeiten gehen, nach Hause kommen, fernsehen (und alles akzeptieren, was dort gesagt wird), Sidney Sheldon lesen, Klamotten kaufen, etc. Ich dachte, ich könnte glücklich auf diese Art leben. Aber ich war auf einem Pfad ohne Wiederkehr. Nach allem, was ich gesehen hatte, fand ich keinen Grund mehr, am Leben zu bleiben.

Ich hörte damit auf, nach den verschiedenen Möglichkeiten zu schauen, wie die Schöpfung vonstatten gegangen sein könnte und setzte mir in den Kopf, die ganze Welt sei ´zufällig´ entstanden. Als ich mich in diesem Zustand befand, war ich immer noch sehr erschüttert wegen der ganzen Ungerechtigkeiten, die in der Welt geschehen; ich entschloss mich eine Minderheit zu verteidigen. So kam es, dass ich Muslime auswählte und anfing, über den Islam zu lernen. Ich hatte nie zuvor vom Islam gehört, aber ich war neugierig, zu erfahren, wer diese ´Terroristen´ waren, wie sie im Westen so oft genannt werden. Ich wusste, wenn das Fernsehen sie als schlecht zeigte, dann war es notwendig, nachzuforschen, denn irgendetwas wird da verborgen.

Ich wusste, die einzige Art, wie ich etwas über den Islam lernen konnte, war mit Muslimen in Kontakt zu treten. In Brasilien, in meinem Land, haben wir nicht so viele Gemeinschaften. Da ging ich ins Internet und traf viele in Chatrooms.

Ein junger saudische Muslim erzählte mir von Nizar Qabbani, und ich forschte nach ihm, da fand ich ein Gedicht mit dem Titel: “I am with Terrorism”. Der Dichter zitiert viele Ereignisse und Orte, die mir völlig unbekannt waren und mir wurde klar, wie unwissend ich war ich von irgendwelchen dieser Tatsachen gehört.

Eines Tages chattete ich mit einem Chat-Freund, und er zeigte mir eine Seite, wo ich den Qur´an lesen konnte. Ich öffnete sie und wählte zufällig eine Sura (ein Kapitel) zum Lesen aus.

Der Titel war auf arabisch, und ich fragte ihn nach der englischen Bedeutung und er sagte mir, es sei „der Tag des Gerichts“. Ich erinnere mich daran, dass er mich fragte, warum ich gerade dieses Kapitel ausgewählt habe?

Ich weiß noch, dass ich ihm darauf antwortete, wenn es einen Gott gibt und wenn Er Allwissend, Allgegenwärtig, Allmächtig ist, dann weiß Er, dass Worte über Bestrafung mich nicht beeindrucken werden. Statt dessen suche ich nach Worten der Hoffnung, vernünftigen und effektiven Worten der Hoffnung.

Zu jener Zeit erinnere ich mich, dass ich jede Nacht denselben Wunsch hatte: ich wünschte mir, am Morgen nicht aufstehen zu können. Aber am nächsten Tag wurden meine Augen wieder geöffnet. Es erreichte ein unerträgliches Ausmaß.

Ich verließ Brasilien und kam nach Deutschland.

An einem Tag war ich richtig verzweifelt. Ich machte die rituelle Waschung, wie ich gelesen habe, dass die Muslime sie machen, ich warf mich auf die Art und Weise nieder, wie ich es von den Muslimen kannte und sagte: „Gott wenn Du wirklich da bist, erlöse mich von dieser Situation. Zeige mir den Weg.“

Al-hamdu llilah (Aller Lobpreis gebührt Allah). Er tat es. Ich verspürte so großen Frieden in meinem Herzen.  

In meinem Deutschkurs gab es ein paar muslimischen Schwestern, die ich um Bücher über den Islam bat und sie gaben mir einige. Da bekam ich meinen ersten Qur´an. Möge Allah sie alle segnen.

Ich las im Qur’an. Und dort fand ich:

“Und Ich habe die Ginn und die Menschen nur darum erschaffen, damit sie Mir dienen (sollen)” (Quran 51:56)

“Allein, Wir machen die einen unter euch zur Prüfung für die anderen. Wollt ihr denn geduldig sein? Und dein Herr ist Allsehend. (20)” (Quran 25:20)

Und alle die Antworten, nach denen ich gesucht hatte, waren dort.

Mein Leben hat sich nicht geändert. Es war immer noch die meiste Zeit schwer. Was sich verändert hat, ist meine Haltung dem Leben gegenüber … Der Unterschied ist, dass ich jetzt weiß, dass Er mein Herr und mein Wali (Hüter),und ich bin dankbar für alles, mit dem Er mich gesegnet hat.

Hagar ist eine 42-jährige muslimische Konvertierte. Sie hat einen Hochschulabschluss in Linguistik und Literatur und ist eine Spezialistin in portugiesischer Sprache und Literatur.

 

 

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