Zinsen und ihre Rolle in der Wirtschaft und im Leben (teil 2 von 7): Der Islamische Standpunkt

Site Team

Wenn man die islamischen Texte über Zinsen liest, fällt einem gleich auf, wie bindend die Warnungen gegen jegliche Verwicklung in Zinsen sind.  Der Islam verbietet zahlreiche unsittliche Taten wie Unzucht, Ehebruch, Homosexualität, Alkoholkonsum und Mord.  Aber die Vielfalt der Diskussion und das Ausmaß der Warnungen erreicht nicht das gleiche Level wie bei denen über Zinsen.  Dies hat Sayyid Qutb zu der Aussage geführt:  “Kein anderes Thema wurde derart heftig verdammt und kritisiert wie der Qur´an es mit Wucher gemacht hat.”[1]

Der Qur´an enthält beispielsweise folgende Verse über Zinsen[2]:  

“O ihr, die ihr glaubt, verschlingt nicht die Zinsen in mehrfacher Verdoppelung, sondern fürchtet Gott; vielleicht werdet ihr erfolgreich sein.  Und fürchtet das Feuer, das für die Ungläubigen vorbereitet ist.” (Quran 3:130-131)

Dies ist eine ziemlich gewaltige Warnung für die Gläubigen, sie warnt vor den fatalen Konsequenzen: in das Höllenfeuer geworfen zu werden, das für die Ungläubigen vorbereitet worden ist. 

Gott sagt auch:   

“Diejenigen, die Zinsen verschlingen, sollen nicht anders dastehen als wie einer, der vom Satan erfaßt und zum Wahnsinn getrieben wird.  Dies (soll so sein,) weil sie sagen: „Handel ist dasselbe wie Zinsnehmen.“  Doch Gott hat den Handel erlaubt und das Zinsnehmen verboten.  Und wenn zu jemandem die Ermahnung von seinem Herrn kommt und er dann aufhört – dem soll verbleiben, was bereits geschehen ist.  Und seine Sache ist bei Gott.  Wer es aber von neuem tut – die werden Bewohner des Feuers sein, darin werden sie ewig bleiben.  Gott wird den Zins dahinschwinden lassen und die Mildtätigkeit vermehren.  Und Gott liebt keinen, der ein hartnäckiger Ungläubiger und Übeltäter ist.  Wahrlich, denjenigen, die gläubig sind und gute Werke tun und das Gebet verrichten und die Zakah entrichten, ist ihr Lohn von ihrem Herrn (gewiß) und sie brauchen keine Angst haben noch werden sie traurig sein.” (Quran 2:275-276)

Diese Verse enthalten viele interessante Punkte.  Beim Kommentar vom ersten Teil des Verses, schrieb Maududi: 

Gerade wie eine geisteskranke Person, ohne die Zügel irgendwelcher Vernunft, unsittliche Taten aller Art begeht, so tut dies auch derjenige, der Zinsen nimmt.  Er ist hinter dem Geld her, als wäre er geisteskrank.  Er ist der Tatsache gegenüber sorglos, dass Zinsen die tatsächlichen Wurzeln der menschlichen Liebe, Brüderlichkeit und Nächstenliebe schneidet und das Wohlergehen und die Freude der menschlichen Gesellschaft untergräbt, und dass seine Bereicherung auf Kosten des Wohlergehens vieler anderer Menschen geht.  Dies ist der Zustand seiner „Geisteskrankheit“ in dieser Welt: da jemand im Jenseits in dem Zustand wieder erweckt wird, in dem er in dieser Welt verstorben war, wird er als Wahnsinniger wieder erweckt.[3]

Zweitens macht der Vers ganz deutlich, dass es einen Unterschied zwischen erlaubten geschäftlichen Transaktionen und Zinsen gibt.  Der Unterschied dazwischen ist so auffallend, dass der Vers sich nicht die Mühe macht, ihn näher zu erklären, was ein stilistisches Mittel des Qur´an ist.  Drittens sagen diese Verse klar und deutlich aus, dass Gott “den Zins dahinschwinden lassen und die Mildtätigkeit vermehren“ wird.  Dies ist eines der Gesetze Gottes, das die Menschheit nicht ohne weiteres selbst entdecken kann.  Die ultimativen und vollen negativen Auswirkungen der Zinsen auf den Einzelnen, die Gesellschaft und die gesamte Welt in diesem Leben und im Jenseits sind nur Gott bekannt.  Allerdings werden wir später einige dieser negativen Effekte, die die Wahrheit dieser Verse bezeugen, nennen.  Tatsächlich betont die Aussage des Propheten (Gottes Segen und Frieden seien auf ihm) ebenfalls: “ Zinsen – auch wenn es eine große Menge ist, werden später eine kleine Menge ergeben.“[4]  Zweifellos wird, wenn der Einzelne Gott im Jenseits trifft, alles, was mit solchen unerlaubten Mitteln angehäuft hat, zu einer Quelle seiner eigenen Zerstörung werden. 

Kurz nach dem oben zitierten Vers sagt Gott weiter:  

“O ihr, die ihr glaubt, fürchtet Gott und verzichtet auf das, was noch übrig ist an Zinsen, wenn ihr Gläubige seid.  Und wenn ihr dies nicht tut, dann ist euch Krieg angesagt, von Gott und Seinem Gesandten.  Doch wenn ihr bereut, dann soll euch euer Kapital zustehen, so dass weder ihr Unrecht tut, noch euch Unrecht zugefügt wird.” (Quran 2:278-279)

Welcher Vernünftige würde sich selbst einer Kriegserklärung durch Gott und Seinen Gesandten aussetzen?  Ohne Zweifel gibt es keine stärkere Drohung.  Am Ende des Verses macht Gott sehr deutlich, warum Zinsen verboten sind: sie sind ein Unrecht.  Das arabische Wort dafür ist Dhulm, was bedeutet, dass jemand einem anderen oder seiner Seele Unrecht getan, ihm geschadet oder ihn unterdrückt hat.  Dieser Vers zeigt, dass Zinsen nicht einfach so verboten sind, wegen irgendwelcher Regelungen Gottes ohne vernünftigen Grund dahinter.  Zinsen schaden definitiv und deshalb sind sie verboten worden. 

Außerdem machte auch der Prophet Muhammad (Gottes Segen und Frieden seien auf ihm) Aussagen über Zinsen.  Beispielsweise die folgende, die deutlich die Schwere dieser Sache zeigt.

“Meidet die sieben zerstörerischen Sünden: Gott Partner beigesellen, Zauberei, eine Seele töten, die Gott (zu töten) verboten hat, außer es entspricht dem Gesetz, Zinsen verzehren, den Besitz der Waisen verzehren, fliehen, wenn die Heere auf einander treffen und keusche, gläubige, unschuldige Frauen verleumden.” (al-Bukhari und Muslim)

Eine andere Aussage des Propheten (Gottes Segen und Frieden seien auf ihm) sollte genügen, um jeden Gottes-fürchtigen Menschen gänzlich von Zinsen fernzuhalten.  Der Prophet (Gottes Segen und Frieden seien auf ihm) sagte:

“Eine Münze von Zinsen, die bewußt von einer Person ausgegeben wird, ist in der Sicht Gottes schlimmer als 36 mal unerlaubten Geschlechtsverkehr zu haben.” (al-Tabarani und al-Hakim)

Der Gefährte Jaabir berichtete, dass der Gesandte Gottes (Gottes Segen und Frieden seien auf ihm) denjenigen verfluchte, der Zinsen nimmt, denjenigen, der sie gibt, denjenigen, der darüber Zeuge ist [d.h. über den Vertrag] und den, der darüber berichtet.  Dann sagte er: „Sie sind alle gleich.“ (Muslim)

Dies ist ein Grundprinzip des Islam.  Wenn etwas verboten oder falsch ist, sollte ein Muslim nicht daran teilnehmen oder es auf irgendeine Art und Weise unterstützen.  Da Zinsen verboten sind, ist es auch verboten, derartige Verträge zu bezeugen, darüber zu berichten und so weiter.  Die Worte des Propheten erklären ebenfalls, dass kein Unterschied besteht zwischen demjenigen, der Zinsen bezahlt, und demjenigen, der sie erhält.  Dies ist so, weil sie beide an dieser verachtenswerten Tat beteiligt sind und daher sind beide gleich schuldig. 

Der Prophet Muhammad (Gottes Segen und Frieden seien auf ihm) sagte auch:  

“Wenn unerlaubte sexuelle Beziehungen und Zinsen in einer Stadt öffentlich auftauchen, haben sie sich der Strafe Gottes selbst geöffnet.” (al-Tabarani und al-Hakim)

Diese Feststellung bezieht sich auf eines von Gottes “Sozialgesetze”.  Die Strafe Gottes kann in verschiedenen Formen kommen – in dieser Welt oder in der nächsten.

 


Footnotes:

[1] Sayyid Qutb, In the Shade of the Quran (Markfield, Leicester, England: The Islamic Foundation, 1999), Bd. 1, S. 355.

[2] Das arabische Wort, das in diesen Qur´anversen verwendet wird, ist ribaa. Ribaa kann definiert werden als “ein Zuschlag und ein Zusatz über die eigentliche Summe hinaus [die entliehen oder ausgegeben wurde].” Cf., E. W. Lane, Arabic-English Lexicon (Cambridge, England: The Islamic Texts Society, 1984), vol. 1, 1023. Unglücklicherweise verwenden einige englische Übersetzer des Qur´an (einschließlich Abdullah Yusuf Ali, Khan und al-Hilali, und Pickthall) für die Übersetzung des Wortes ribaa als “Wucher.” Dies hat zu einiger Verwirrung geführt, sogar unter westlichen Muslimen.  The Oxford English Dictionary definiert Wucher als: “Die Tatsache oder Praktik Geld mit Zinsen auszuleihen; besonders bei späterer Verwendung, beim Sparen, nehmen, vertraglich vereinbaren, übertriebener oder ungesetzlich hoher Raten auf entliehenes Geld.” Mit anderen Worten war das Wort “Wucher” einmal dem Akt, Geld mit Zinsen auszuleihen, gleich, früher als dies noch immer verschmäht gewesen war. Nachdem Zinsen völlig legalisiert worden waren, fing das Wort Wucher an, die Bedeutung “leihen mit übertriebenen oder ungesetzlichen Raten” zu bekommen.  Der arabische Begriff ribaa, muss heutzutage als “Zinsen” übersetzt werden, denn es beinhaltet absolut alle Zahlungen, die zusätzlich zum Ausgangsbetrag gemacht werden.  

[3] Sayyid Abu Ala Mawdudi, Towards Understanding the Quran (Leicester, United Kingdom: The Islamic Foundation, 1988), Bd. 1, S. 213.

[4] Berichtet von al-Hakim. Siehe al-Albani, Sahih al-Jami al-Sagheer, Bd. 1, S. 664, Hadith Nr. 3543. Zinsen ist alles an Anhäufen von mehr Geld, auch ohne es mit Risiko einzusetzen.  Dies bringt auf lange Sicht keine Freude: “General Social Survey (GSS) Studies berichtete in Business Week (6.Oktober 2000) und schlußfolgerte, dass Geld keine Freude erkaufen kann und der neue Lebensstil und seine Nachwirkungen das Vermehren des Unglücks verursachten.  Jener Studie zufolge wurden die Amerikaner, obwohl das Einkommen zwischen 1970 und 1998 pro Kopf anstieg, im Gegensatz dazu immer unglücklicher.  Die neuen gesellschaftlichen Tendenzen überschatteten alle materiellen Gewinne.  Die Studie fand heraus, dass Extraeinkommen zwar Freude bereitet, aber der Einfluß war überraschend ärmlich.  Sie fand ebenfalls, dass Faktoren wie Geschlecht und materieller Status schwerer zählen.  Ein anderer Fund war, dass Frauen unglücklicher wurden als Männer.  Die Zunahme an Scheidungen und Trennungen von Eheleuten hat einen negative Einfluß auf die Familienstruktur und die Psychologie ihrer Mitglieder.  Business Week zog daraus den Schluß: ‘Letztendlich meinen wir, dass diejenigen, die denken, Einkommen alleine garantiere mehr Freude, sich selbst täuschen.  Und es zeigt, dass manche offensichtliche Aspekte der Neuen Ökonomie, wie mehr Arbeitlosigkeit und größere Einkommensdifferenzen signifikante psychologische Kosten mit sich bringen.’” Abdulhay Y. Zalloum, Painting Islam as the New Enemy: Globalization & Capitalism in Crisis (Technology One Group S.A. 2002), S. 357.

 

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